Bus fährt weg von Microsoft Gebäude. Auf dem Bus steht die Aufschrift „Digitale Abhängigkeit endet jetzt“

Als wir vor eini­ger Zeit über unse­re Migra­ti­on weg von Micro­soft 365 hin zu einer sou­ve­rä­nen IT-Umge­bung berich­tet haben, war das vor allem ein Erfah­rungs­be­richt – pra­xis­nah, reflek­tiert, aber auch offen für Dis­kus­si­on. Nun wer­fen aktu­el­le Ent­wick­lun­gen ein neu­es Licht auf unse­re dama­li­gen Ent­schei­dun­gen und befeu­ern den stra­te­gi­schen Dis­kurs: Was heißt digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät wirk­lich – und was bedeu­tet sie kon­kret für Unter­neh­men, Behör­den und Orga­ni­sa­tio­nen in Europa?

Wenn Mar­ke­ting­ver­spre­chen und Rea­li­tät kollidieren

In einer Anhö­rung vor dem fran­zö­si­schen Senat wur­de Micro­soft-Ver­tre­ter Anton Car­niaux eine simp­le Fra­ge gestellt: Kann Micro­soft garan­tie­ren, dass kei­ne Daten fran­zö­si­scher Bür­ge­rin­nen und Bür­ger an US-Behör­den über­mit­telt wer­den – selbst dann, wenn sie sich aus­schließ­lich in der EU befinden?

Sei­ne Ant­wort unter Eid: Nein.

Das ist bemer­kens­wert – nicht etwa, weil es über­ra­schend wäre, son­dern weil es so offen aus­ge­spro­chen wur­de. Der US CLOUD Act von 2018 ver­pflich­tet US-Unter­neh­men zur Her­aus­ga­be von Daten, auch wenn die­se außer­halb der USA gespei­chert sind. Tech­ni­sche Lösun­gen wie die „EU Data Boun­da­ry“ oder „Sove­reign Cloud“-Projekte klin­gen ver­trau­ens­bil­dend, ändern aber nichts am recht­li­chen Fun­da­ment. Es ist der Moment, in dem juris­ti­sche Rea­li­tät die Hoch­glanz­fo­li­en überholt.

Die Preis­fra­ge – wortwörtlich

Ab April 2025 sol­len die Prei­se für Micro­soft-Pro­duk­te erneut stei­gen: Jah­res­a­bos um 5 %, Power BI Pro sogar um 40 %. Das allein ist kei­ne Kata­stro­phe, aber ein Mus­ter wird sicht­bar. Erst Markt­do­mi­nanz auf­bau­en – dann mone­ta­ri­sie­ren. Die Bun­des­ver­wal­tung zahlt laut Bun­des­re­gie­rung jähr­lich über 204 Mil­lio­nen Euro für Micro­soft-Lizen­zen. Eine Grö­ßen­ord­nung, die sich über Jah­re zu einem mil­li­ar­den­schwe­ren Abhän­gig­keits­ver­hält­nis auswächst.

Das ist kei­ne mora­li­sche Ankla­ge. Es ist eine wirt­schaft­li­che und stra­te­gi­sche Über­le­gung: Wol­len wir unse­re Bud­gets künf­tig zuneh­mend für pro­prie­tä­re Infra­struk­tur ver­wen­den – oder Alter­na­ti­ven prü­fen, die viel­leicht nicht jeden Kom­fort bie­ten, aber deut­lich mehr Kontrolle?

Micro­soft hat zum 1. April 2025 eine neue Preis­po­li­tik ein­ge­führt, die sowohl Power BI-Lizen­zen als auch die gene­rel­le Preis­ge­stal­tung für Micro­soft 365 betrifft:

  • 5 % Auf­schlag für monat­lich bezahl­te Jah­res­a­bos – Wer sei­ne Jah­res­ver­trä­ge in monat­li­chen Raten zahlt, zahlt künf­tig 5 % mehr gegen­über der Einmalzahlung.
  • Power BI Pro steigt von 10 USD auf 14 USD pro User/​Monat – ein Anstieg um 40 %.
  • Power BI Pre­mi­um (PPU) steigt auf 24 USD/​Monat – etwa +20 %.
  • E5-Abos sind (vor­erst) nicht betrof­fen – ent­hal­ten Power BI wei­ter­hin ohne Aufpreis.

Damit wer­den gezielt mitt­le­re Kun­den und Monats­zah­ler stär­ker belas­tet – nicht unbe­dingt ein Signal für Part­ner­schaft auf Augen­hö­he. Und ein Beleg für das klas­si­sche Ven­dor-Lock-in. Sich sehen­den Auges in sol­che Abhän­gig­kei­ten zu bege­ben, kann man machen, aber dann ist es halt …

Und plötz­lich ist Open Source nicht mehr exotisch

Lan­ge galt Open Source als Hort tech­nik­ver­lieb­ter Fan­tas­ten – bis Schles­wig-Hol­stein bei­spiels­wei­se ver­kün­de­te, Libre­Of­fice flä­chen­de­ckend für rund 30.000 Beschäf­tig­te ein­zu­füh­ren, als ers­ten Schritt zur digi­ta­len Sou­ve­rä­ni­tät der Lan­des­ver­wal­tung. Par­al­lel dazu treibt das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Innern und für Hei­mat (BMI) mit dem Zen­trum für Digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät (Zen­DiS) das Pro­jekt “open­Desk” vor­an – eine modu­la­re Open-Source-Office- und Kol­la­bo­ra­ti­ons­platt­form für Behör­den. Hin­ter open­Desk steckt bewusst ein Öko­sys­tem aus Next­cloud, Col­la­bo­ra Online, Element/​Matrix, Jit­si, Open-XCh­an­ge und XWi­ki – ent­wor­fen als sou­ve­rä­ne, inter­ope­ra­ble Alter­na­ti­ve zu MS 365.

Das sind kei­ne Revo­lu­tio­nen, aber Indi­ka­to­ren. Signa­le, dass sich Bewe­gung zeigt. Und dass sich ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen, egal ob öffent­li­che oder nicht-öffent­li­che Stel­len, Fra­gen stel­len soll­ten, die über tech­ni­sche Para­me­ter hinausgehen:

  • Wie viel stra­te­gi­sche Unab­hän­gig­keit brau­chen wir und wol­len wir?
  • Wie viel sind wir bereit, dafür zu inves­tie­ren – an Zeit, Geld und vor allem Lernkurve?
  • Wie bewer­ten wir Risi­ken, wenn sie nicht tech­nisch, son­dern poli­tisch oder recht­lich sind?

Sou­ve­rä­ni­tät ist kein Pro­dukt – son­dern ein Prozess

Digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät beginnt nicht mit der Instal­la­ti­on von Next­cloud oder der Abwahl von Micro­soft-Pro­duk­ten – sie beginnt mit einem Bewusst­sein. Einer Hal­tung. Denn sou­ve­rän ist nicht, wer ein­fach nur ande­re Tools nutzt. Sou­ve­rän ist, wer die Kon­trol­le über Ver­trags­be­din­gun­gen, Daten­flüs­se, Update­zy­klen und Ver­ant­wort­lich­kei­ten bekommt und behält – und zwar dauerhaft.

Die­se Hal­tung muss sich auch in der Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur spie­geln: in der Fähig­keit, IT-Kon­zep­te zu hin­ter­fra­gen, sich selbst in einem akti­ven Rol­len­bild als Betrei­ber und Ent­schei­der zu begrei­fen – nicht als pas­si­ver Lizenz­neh­mer. Und ja, das kos­tet Zeit. Und benö­tigt oft über die Jah­re /​ Jahr­zehn­te intern abge­bau­tes oder nach extern ver­la­ger­tes Know-How.

Reden hilft – aber bit­te mit Ziel

Wer sou­ve­rän wer­den will, braucht die Mit­ar­beit aller Betei­lig­ten. IT-Ver­ant­wort­li­che. Füh­rungs­kräf­te. Und: End­an­wen­de­rin­nen und ‑anwen­der. Die Akzep­tanz steht und fällt mit Trans­pa­renz und Kommunikation.

Was hat uns geholfen?

  • Kei­ne bun­ten Tech­nik­fo­li­en gro­ßer Bera­tungs­un­ter­neh­men und Soft­ware-Anbie­ter. Son­dern mit allen Betei­lig­ten durch­ge­spiel­te Sze­na­ri­en, ohne von vorn­her­ein im Abwehr-Modus zu sein. Wir woll­ten etwas ändern und nicht nur so tun, als ob.
  • Kei­ne puren Kos­ten­schät­zun­gen. Son­dern Trans­pa­renz über Abhän­gig­kei­ten und Mög­lich­kei­ten, die­se zu reduzieren.
  • Kei­ne Droh­ku­lis­se. Son­dern ein greif­ba­res Bild, was man gewin­nen kann: bes­se­re Kon­trol­le, mehr Daten­schutz, mehr Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit, neue Freiheiten.

Wir haben früh intern über Worst-Case-Sze­na­ri­en gespro­chen (z. B. plötz­li­che Lizenz­sper­rung). Die­se Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te haben dazu bei­getra­gen, dass vie­le ver­stan­den haben, wor­um es geht. Nicht um Ideo­lo­gie – son­dern um Verlässlichkeit.

Die Über­ra­schungs­tü­te der Altlasten

Einer der über­ra­schends­ten Aspek­te unse­rer Migra­ti­on: was da alles zum Vor­schein kam. Ver­steck­te Makros in jahr­zehn­te­al­ten Excel-Datei­en. Out­look-Regeln mit Eigen­le­ben. Schat­ten-IT à la pri­va­te Drop­box-Frei­ga­ben. Und Tools, von denen nie­mand mehr wuss­te, dass sie exis­tie­ren – bis sie nach der Migra­ti­on plötz­lich nicht mehr funktionierten.

Die Wahr­heit ist: Man kennt sei­ne IT erst wirk­lich, wenn man sie ver­las­sen will. Der Abschied von Micro­soft hat uns gehol­fen, Pro­zes­se zu sich­ten, Kom­ple­xi­tät zu redu­zie­ren – und auch ein biss­chen auf­zu­räu­men. Ja, es hat Zeit gekos­tet. Aber es hat uns auch unab­hän­gi­ger gemacht.

Mut zur Unab­hän­gig­keit beginnt oft unten

Gro­ße Ver­wal­tun­gen und Bun­des­be­hör­den set­zen mitt­ler­wei­le Impul­se – mit Pro­jek­ten wie Phoe­nix, open­Desk oder dem Libre­Of­fice-Ein­satz in Schles­wig-Hol­stein. Aber der eigent­li­che Wan­del? Der beginnt oft unten – in Kom­mu­nen, Mit­tel­stands­un­ter­neh­men oder klei­nen Orga­ni­sa­tio­nen. Und zwar im Kopf.

Hier ist die Ent­schei­dungs­dich­te höher. Hier kön­nen Ver­än­de­run­gen schnel­ler wir­ken. Hier las­sen sich Stra­te­gien direkt umset­zen, ohne jah­re­lan­ge Aus­schrei­bun­gen oder poli­ti­sche Kompromisse.

Digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät braucht kei­ne Ver­ord­nung von oben. Sie braucht Macher. Und ein biss­chen Mut zur eige­nen Entscheidung.

Migra­ti­on – kein Patent­re­zept, aber ein not­wen­di­ger Diskurs

Wir bei a.s.k. haben uns damals zu einer Migra­ti­on ent­schlos­sen – nicht aus Dog­ma­tis­mus, son­dern aus nüch­ter­ner Risi­ko­ana­ly­se. Es war ein Expe­ri­ment, und ja, es war mit Auf­wand ver­bun­den. Aber wir haben gelernt, dass Unab­hän­gig­keit auch ein Mind­set ist. Und dass Alter­na­ti­ven nicht nur exis­tie­ren, son­dern inzwi­schen pro­duk­ti­ons­reif und wirt­schaft­lich attrak­tiv sein können.

Die Aus­sa­ge von Micro­soft in Frank­reich war kein Skan­dal – sie war eine Ein­la­dung. Eine Ein­la­dung zur Refle­xi­on. Zur Selbst­ver­or­tung. Und viel­leicht zu mehr Gestal­tungs­wil­len in der eige­nen IT-Strategie.

Denn die Zei­ten, in denen man ein­fach wei­ter­lau­fen konn­te, weil man ges­tern oder vor­ges­tern so ent­schie­den hat­te, die sind womög­lich vorbei.

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4 Responses

  1. Hal­lo Herr Kuhrau,

    ich beschäf­ti­ge mich seit 1984 mit der IT und hat­te dadurch ein neu­es Hob­by gefun­den. IT-Sicher­heit und Daten­schutz. Dadurch haben wir den Locky-Ver­schlüs­se­lungs­tro­ja­ner, Goog­le-Ana­ly­tics und vie­le wei­ter “tol­le” Schad-SW, Vor­ge­hens­wei­sen etc. gefun­den und gemel­det (Pres­se, BSI etc.). Lei­der glaub­te uns kei­ner und somit konn­ten wir immer wie­der Par­tys fei­ern, wenn es mal wie­der “gekracht” hat. Und so ist es auch heu­te noch. The­ma Cloud-Sicher­heit ist schon seit 2009 für uns ein The­ma. Wir sind dadurch Part­ner von fast allen Her­stel­lern um eben deren Stra­te­gie, Feh­ler zu fin­den. Ent­spre­chend auch Kon­tak­te zu Grup­pen, die sich mit Sicher­heit beschäf­ti­gen. Und lei­der glaubt uns kei­ner und nimmt kei­ne War­nun­gen an. Ich dan­ke Ihnen für die Bestä­ti­gung (Bericht).

    • Die Rufe der Cas­san­dra wur­den his­to­risch belegt noch nie ger­ne gehört. Ja, manch­mal kann man sich nur wun­dern, wie sehen­den Auges auf den Stras­sen­gra­ben zuge­steu­ert wird. Solan­ge es dann nur ein Stras­sen­gra­ben ist, geht viel­leicht noch etwas zu ret­ten. War es der berühm­te Abgrund, dann ist meist alles zu spät — oder um ein Viel­fa­ches teu­rer. Unse­re Erfah­rung aus den letz­ten 20 Jah­ren zeigt: Gele­gent­lich wird nur durch Schmerz gelernt. Scha­de, denn man könn­te auch aus den Erfah­run­gen von Ande­ren etwas ler­nen und für sich mit­neh­men. Ob sich da was ändern wird? Kei­ne Ahnung.

  2. Hmm… ich mag den Gedan­ken der Abkehr vom pösen Pur­schen sehr! Und ich weiß nicht, ob es nicht nur mei­ne Aus­re­de ist, dass wir doch mit unse­ren zahl­rei­chen Fach­ver­fah­ren abhän­gig von Micro­soft sind, weil wir die­se Abhän­gig­keit mit ein­ge­kauft haben.
    Eine nam­haf­te IT-anbie­ten­de-Anstalt-des-öffent­li­chen-Rechts “zwingt” uns gera­de, MS365 künf­tig ein­zu­set­zen, wenn wir ihr Pro­dukt wei­ter — im Rechen­zen­trum — nut­zen wol­len. Und wenn ich rich­tig infor­miert bin, erfolgt das Gan­ze mit Segen des Städ­te- bzw. Gemeindetags.
    Mir stößt das gelin­de gesagt sau­er auf und wir sind aktu­ell auf der Suche nach einem Alter­na­tiv­pro­dukt. Aber wie gehen wir mit AGBs um, die den MS-Ein­satz erfordern?
    Oder sind das doch nur mei­ne Aus­flüch­te der Bequemlichkeit?

    • Ja, das ist eine Crux. Der Unter­bau allei­ne macht es in vie­len Fäl­len nicht. Daher hal­ten wir eine rei­ne Dis­kus­si­on über Wech­sel von Win­dows- auf Linux-Cli­ents auch für viel zu kurz gesprun­gen. Die Viel­zahl an kom­mu­na­len Fach­an­wen­dun­gen, die es neben Office zu berück­sich­ti­gen gilt, ist nach wir vor ein sehr gro­ßer Hemm­schuh und mit­nich­ten eine Aus­re­de. Wir wun­dern uns nur immer wie­der, wie die Sum­me aller Kom­mu­nal­ver­wal­tun­gen sich jedoch von den Ver­fah­rens­an­bie­tern wie ein Bär am Nasen­ring durch die Are­na füh­ren lässt. Solan­ge hier jede Kom­mu­ne sich ein­zeln ihrem Schick­sal ergibt, statt in der Sum­me von meh­re­ren Tau­send Abneh­mern Druck auf die Anbie­ter auf­zu­bau­en, wird sich da auch eher wenig was ändern. Außer der Gesetz­ge­ber greift durch. Aber das führt dann wie­der zu ande­ren Pro­ble­men, sie­he kom­mu­na­le Sou­ve­rä­ni­tät … Alles nicht so ein­fach. Aber nicht unlös­bar. Wir füh­ren ja auch kei­nen mis­sio­na­ri­schen Feld­zug, son­dern wol­len nur Denk­an­stö­ße lie­fern und von unse­ren Erfah­run­gen berichten.

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